Experten von der Werft "Blohm + Voss" unterstützen Menschen in Not
30.07.2010 | Hamburg. Fernseher, Computer, Kaffeemaschinen, Clubsessel, Teppiche, Schlafsäcke, Kinderspielzeug: Anja van Eijsden (36) kann eigentlich alles besorgen.

Gebraucht, aber gut erhalten und vor allem kostenlos. Die gelernte Maschinenbauerin mit dem Patent für Schiffsbetriebtechnik arbeitet seit acht Jahren auf der Hamburger Traditionswerft Blohm + Voss. Und hier gründete sie mit ein paar Kollegen im April 2009 den Verein "Der Hafen hilft". Unterstützt werden seitdem soziale Einrichtungen jeglicher Art im Großraum Hamburg.
:Info
"Die Werft kann vielen Menschen helfen, die drüben in Hamburg an Land leben", sagt Eijsden und schaut von einem Schwimmdock zu den Landungsbrücken hinüber. Derzeit hat sie einige Dutzend Röhren-Fernseher im Angebot - und Beistelltische sowie beste Federkernmatratzen von den Kreuzfahrtschiffen "Deutschland" und "Bremen". "Die Reeder lassen bei uns nicht nur die Schiffsmotoren reparieren", sagt sie. Oft wird das komplette Kabinen-Inventar erneuert - und der alte Kram fliegt raus. "Die Sachen sind meistens picobello", lacht Eijsden, "immerhin stammen sie aus schwimmenden Fünf-Sterne-Hotels."
Binnen kürzester Zeit hatte der Verein "Der Hafen hilft" 45 Mitglieder. Dahinter verbergen sich zumeist ganze Firmen mitsamt dem Spitzen-Knowhow ihrer Zunft: Maler, Schweißer, Klempner, Tischler, Elektriker oder Multimedia-Experten. "So eine Werft ist wie eine kleine Stadt", sagt Eijsden. "Hier gibt es alle denkbaren Branchen - und an Land gibt es so viel Bedarf an Hilfe." Die Obdachlosenunterkunft "Pik As" bekam Wolldecken von der "MS Europa", der Mitternachtsbus der Diakonie konnte im vergangenen Winter ein paar Dutzend Mumien-Schlafsäcke von der Werft verteilen.
Bei der Hamburger Bahnhofsmission mussten Räume neu gestrichen werden, aber es fehlte das Geld für die Farben und den Maler - der Hafen half. Die "Mobile Hilfe" der Caritas hatte Probleme mit ihrer Medizintechnik im Bus - der Hafen half. Die Obdachlosenzeitung "Hinz & Kunzt" erhielt 14 Betten von der "MS Albatros" und brauchte zusätzlich noch einen Anker für ein Denkmal in der Hafencity - selbstverständlich fand sich einer, zunächst alt und verrostet. Mit professionellem Sandstrahlgebläse wurde das 3,5 Tonnen-Stück gereinigt und neu lackiert. Heute liegt das Schmuckstück an seinem Bestimmungsort neben dem Kreuzfahrtterminal an der Elbe.
"Schiffsbauer sind vielfältig einsetzbar", sagt Eijsden. Wer die Bordwände eines Frachters oder einer Luxusjacht zusammenschweißen könne, der könne auch Rutschen oder Sandkisten auf Spielplätzen reparieren. "Wir retten, was hier sonst verrottet", sagt Ingenieur Mario Altmann (44), Mitstreiter der ersten Stunde. Er bastelte auch mit an dem Internet-Auftritt des Vereins, der eine Art "Tauschbörse" ist: Hier kann jeder online stellen, was er braucht oder bietet. Bei der Diakonie Süderelbe reparierte der Verein einen Fahrradständer, für die Renovierung im Internationalen Seemannsclub "Duckdalben" kam das Gerüst von der Werft im Hafen.
"Manchmal dauert es eine Weile, bis ein Hilferuf beantwortet werden kann - aber oft geht es auch ganz schnell", sagt Eijsden. Natürlich freue sie sich riesig über den Erfolg ihres Hilfe-Vereins - will sich aber selbst keinesfalls in den Vordergrund spielen. Sie habe halt vor einigen Jahren "schlicht die Idee gehabt", noch etwas anderes tun zu müssen, als Schiffe zu reparieren. Sie wandte sich damals an die Ev. Stiftung "Das Rauhe Haus" in Hamburg und erfuhr von der dort bestehenden Brüder- und Schwesternschaft.
Sie begann sich ehrenamtlich zu engagieren und musste feststellen, dass es "an allen Ecken und Kanten in dieser Stadt Probleme gibt". Sie initiierte Spendensammlungen auf der Werft und bat Kollegen um Hilfe, "wenn irgendwo mal der Zivi fehlte". Aus diesen Anfängen entstand "Der Hafen hilft", der heute bei "Blohm + Voss" sogar über ein eigenes Lager von Hilfsgütern verfügt. "Um den Raum musste ich etwas kämpfen", sagt Eijsden. "Aber es hat sich gelohnt: Denn es hat ja geklappt."
Internet: www.der-hafen-hilft.de
- Datum 30.07.2010
- Quelle epd
- Autorin Klaus Merhof
- Foto © epd-bild / Sven Kriszio
- Leserbrief E-Mail verschicken
- Artikel Drucken | PDF | empfehlen
- Schlagworte Hamburg | Hafen | Armut
Arme fotografieren Armut
Kiel. Unter dem Titel "Ungeschminkt" ist am Donnerstag in Kiel eine Ausstellung zur Armut eröffnet worden, für die Arme und Obdachlose selbst die Fotos geliefert haben. 02.09.2010 | lesen...
In Hamburg: China ganz nah
Hamburg. Zweieinhalb Wochen feiert Hamburg die "China Time 2010". Vom 9. bis 25. September stehen rund 200 Veranstaltungen auf dem Programm dieser Senatsinitiative, die 2006 gegründet wurde und in diesem Jahr bereits zum dritten Mal stattfindet. 02.09.2010 | lesen...
Maria Jepsen will Hamburg verlassen
Hamburg. Erstmals nach ihrem Rücktritt am 16. Juli hat sich die bisherige Hamburger Bischöfin Maria Jepsen (65) zu ihren Beweggründen geäußert. 01.09.2010 | lesen...